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Zum Inhalt:
Bilderbuchfamilie aus München. Keine Geldsorgen. Ein schönes Zuhause in einer guten Gegend.

Nina: Ehefrau und Mutter. Studium zugunsten der Familie seinerzeit abgebrochen, Teilzeit tätig in einer Arztpraxis und einem Supermarkt.

Alexander: Ehemann und Vater. Arbeitet als Oberarzt im Krankenhaus und ist selten zuhause.

Emilia: Tochter und Schwester. Gymnasiastin. Frisch verliebt.

Ben: Sohn und Bruder. Student. Sucht noch seinen Platz im Leben und in der Gesellschaft.
Alles bestens, oder?

Meine Meinung:

Die Geschichte von dieser Familie, ist eine Geschichte, wie sie vermutlich dem Leben anderer Familien mehrere tausend Mal in Deutschland jeden Tag auf die ein oder andere Art und Weise  ähnelt.
Gefangen im Alltagstrott. Jeder in seiner eigenen Welt. Man begegnet sich (vielleicht alle zusammen) beim Abendessen am Tisch. Gespräche, die Oberflächlichkeiten betreffen. Niemand zeigt sich. Niemand spricht über das, was ihn wirklich bewegt. Zeigt sich ganz. Teilt seine Sorgen. Seinen Kummer. Seine Freude. Man lebt nebeneinanderher. Jeden Tag. Und verliert letztendlich sich selbst und seine Liebsten in dieser oberflächlichen Eintönigkeit. Und fühlt sich von allen anderen einfach nicht gesehen.

Das ist die Kurzfassung dessen, was ich aus der Geschichte mitnehme.
Aber erstmal zurück zum Buch:

Die Geschichte wird aus den vier verschiedenen Perspektiven der einzelnen Familienmitglieder erzählt.

Nina hat ihr Studium zugunsten des Studiums ihres Mannes und der Geburt ihres ersten Sohnes aufgegeben. Sie hadert damit nicht, aber nun, als die Kinder groß sind, fragt sie sich, ob das wirklich eine kluge Entscheidung war. Sie verdient mittlerweile ihr eigenes Geld. Auch deswegen, weil ihr Mann ihr durchaus das Gefühl gibt, dass es nun mal SEIN Geld ist, was sie z.B. für den Friseur ausgibt.

Ihr Mann kommt fast jeden Tag spät aus dem Krankenhaus heim. Oft ist er – ohne Bescheid zu geben – beim Abendessen einfach nicht anwesend. Das seine Frau von diesem Verhalten verletzt ist, bekommt er nicht mit. Wie denn auch? Er ist ja so gut wie nie da.

Als Nina eine neue Kollegin in der Arbeit an die Seite gestellt bekommt, entwickelt sich zwischen den Frauen erst eine Freundschaft und dann Zuneigung und Nina beschließt, dass sie so, wie sie jetzt lebt, nicht mehr weiterleben will. Es muss sich etwas ändern. Dringend.

Alexander hat eine anstrengende Tätigkeit als Oberarzt. Und zuhause – wenn er denn mal zuhause ist – will er einfach nur Ruhe und Frieden. Ist denn das zu viel verlangt? Und er will Sex. Aber öfter als seine Frau. Das frustriert ihn. Schließlich hat er auch Bedürfnisse. Auch wenn er seine Frau niemals betrügen wird. Aber er arbeitet schließlich auch hart. Jeden Tag.

Die Kinder können es ihm nicht recht machen. Emilia, die jetzt ständig bei ihrem Freund rumhängt, den er nicht mal kennt. Und Ben, der sein Studium viel zu wenig ernst nimmt für seinen Vater und dessen Leben sich nach der Uni nur in seinem Zimmer abspielt.
Alexander strahlt in jedem Satz seine Unzufriedenheit aus, die er in dieser Familie empfindet. Er versucht – wenn er da ist – die Kinder zu erziehen, ohne zu erkennen, dass er sie dadurch nur noch weiter von sich entfernt. Denn natürlich fühlen sich die Kinder von ihm weder gesehen noch wertgeschätzt. Er kennt sie kaum. Er ist ja so gut wie nie da.

Emilia. Glücklich verliebt in Julian. Sie schläft mit ihm. Aus Angst ihn zu verlieren. Und lernt dann auf die harte Tour, dass das seine Masche ist. Igelt sich ein. Und vertraut niemandem an, wie groß ihr Kummer wirklich ist. Emilia hätte ich beim Lesen wirklich gerne in den Arm genommen.

Ben. Unglücklich verliebt in eine Kommilitonin, die ihn so gut wie nicht wahrnimmt. Ein Studium, das ihn überhaupt nicht interessiert und das Gefühl, dass er einfach keinen Platz in dieser Welt hat. Das er anders ist als die anderen jungen Leute. Er ist einsam. Unendlich einsam. Und hat das Gefühl, dass – egal, wie sehr er es versucht – sich doch niemals etwas ändern wird. Und trifft schließlich eine folgenschwere Entscheidung…

Ein Buch, dass mich an eine Zeit in meinem Leben erinnert hat, die zum Glück für mich schon hinter mir liegt. Aber die ich oftmals in Gesprächen und bei Beobachtungen in meiner Umwelt immer wieder mal wahrnehme. Gerade in meiner Generation.

Die Frauen, die oftmals zurückstecken zugunsten der Familie, der Karriere des Partners, der Pflege der eigenen Eltern und die sich dann irgendwann unweigerlich fragen, ob das schon alles gewesen ist?  Die immer mehr das Gefühl haben, sich selbst vollkommen zu verlieren. Und die immer wieder merken, dass es einfach niemanden sonst interessiert.

Eine passende Situation im Buch – als Nina einfach abends mal nicht nach Hause kommt, weil sie sich spontan mit der Kollegin trifft, und es niemandem aus ihrer Familie auffällt, ist vermutlich sehr bezeichnend dafür, wie Frauen sich oft in ihren Familien fühlen. Sie sind nützlich. Aber auch irgendwie unsichtbar. Dass sie nicht da sind, fällt erst auf, wenn plötzlich kein Essen auf dem Tisch steht, der Kühlschrank leer ist und die Wäsche nicht gewaschen.

Das ist bitter und unendlich traurig. Und es ist kein Wunder, dass die Frauen irgendwann dann ausbrechen. Ihr Leben selbst gestalten wollen. Und das dann auch tun. Und wenn sie an dem Punkt sind, dann haben sie bereits oft das Gespräch gesucht. Aber ihre Wünsche blieben ungehört. Ungesehen. Bis zum Knall.

Das ist in diesem Buch nicht anders. Und – wie so oft im Leben – fällt Alexander aus allen Wolken. Es kommt so plötzlich für ihn.

Aber es ist natürlich nicht nur Nina, die leidet.

Alexander fühlt sich ebenfalls nicht gesehen und vor allen Dingen, sieht er seinen Einsatz für die Familie nicht gewürdigt. Er schuftet sich für die Familie krumm, damit alle es gut haben. Und wünscht sich nur, dass das gesehen wird. Das er respektiert wird. In seinen Augen tut das niemand. Ich denke, er hat auch Schwierigkeiten mit dem älter werden. Niemand will zum alten Eisen gehören. Und das kann ich auch irgendwie verstehen.

Das beide Kinder mit ihren Eltern nicht ihre Sorgen und Nöte besprechen, sondern alles mit sich selbst ausmachen, das fand ich schlimm und nur schwer auszuhalten. Emilia teilt ihren Kummer zwar noch mit Ben, zielt aber bei ihm auch gleich wieder mit einem bösen Kommentar unter die Gürtellinie, als er etwas – in ihren Augen unpassendes – sagt.

Vieles, von dem, was in der Familie im Argen liegt, wäre in meinen Augen vermeidbar gewesen. Vermeidbar, wenn alle einander zuhören würden. Und füreinander dann auch Verständnis aufbringen. Zuhören. Da sein. Auch wenn vielleicht das ein oder andere, was dem einen wichtig ist, nicht der eigenen Vorstellung entspricht. Miteinander in den Dialog treten. Über Gefühle reden. Miteinander. Sagen, was man braucht. Sich erträumt. Auch wenn man sich in diesem Moment damit verletzlich macht. Einander den Raum geben, man selbst zu sein. Auch wenn es – in einem durchgetackten Alltag – schwierig sein mag. Mit Respekt und Achtung einander begegnen. Die Bedürfnisse des anderen achten.

Ich habe das Glück, in so einer Beziehung leben zu dürfen. In der ich gesehen werde. Ich selbst sein kann. Und genau dafür geliebt werde. Einfach so. Bedingungslos. Auch wenn unsere Bedürfnisse manchmal konträr gehen. Dann reden wir drüber. Suchen nach einem Kompromiss. Oder einer oftmals unkonventionellen Lösung. Mit offenem Herzen. Voller Liebe. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Kira Mohn für diesen großartigen Buchgewinn. Es hat mich sehr zum Nachdenken angeregt.
Ein wichtiges Buch für alle Frauen. Und für alle Männer. Ich lege es Euch ans Herz.