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Rezension: „Liverpool Street“ von Anne C. Voorhoeve

Zum Inhalt:

Berlin 1939 im Winter:

Die Machtergreifung der Nazis hat das Leben von Ziska und ihrer Familie überschattet. Doch noch hoffen die Eltern, dass es nicht allzu schlimm wird. Als ihnen klar wird, in welcher Gefahr sie tatsächlich schweben, ist es für eine Ausreise aus Deutschland längst zu spät. Doch es gelingt ihnen noch, Ziska auf einem Kindertransport anzumelden und das 11jährige Mädchen reist ganz allein nach England. Sie ist zuerst guter Dinge. Sie will unbedingt ihre Eltern und ihre beste Freundin nachholen, doch die Monate vergehen, die Situation in Deutschland wird immer auswegloser und irgendwann muss sie sich damit auseinandersetzen, dass sie ihre Familie und Freunde vielleicht niemals wiedersehen wird….

Meine Meinung:

Das Buch ging mir so dermaßen unter die Haut, es hat mir Gänsehaut gemacht und mich zu Tränen gerührt.

Ziska ist ein junges, mutiges Mädchen, so voller Hoffnung.  Sie glaubt fest daran, dass sie ihre Familie und ihre beste Freundin irgendwann einmal wiedersieht. Das alles wieder gut wird. Doch die Wirklichkeit scheint anders auszusehen und irgendwann muss sie der grausamen Realität stellen, dass sie die ihr liebsten Menschen vielleicht niemals wiedersehen wird. Sie leidet darunter, dass sie einen Platz auf einem Kindertransport bekommen hat und ihre beste Freundin Rebekka nicht. Das macht ihr schwer zu schaffen.

„Und so kam es, dass ich jetzt, erst jetzt, langsam begriff. Man konnte einen Menschen gehen lassen, WEIL man ihn liebte.“ – Seite 458

Sie findet ein liebesvolles Zuhause bei Amanda und Matthew in London und die Zeit vergeht. Erst ein Jahr, dann zwei Jahre…die Jahre ziehen ins Land. Ziska versucht das Beste aus ihrer Situation zu machen, doch irgendwann – je mehr sie in ihrem Leben in England ankommt – desto mehr spürt sie eine Zerrissenheit. Denn was passiert, wenn der Krieg eines Tages vorbei ist? Wenn ihre Eltern all das Grauen überleben sollten und zu ihr finden? Was passiert dann mit Amanda und Matthew, die Ziska ebenfalls sehr liebgewonnen hat und mittlerweile als ihre Familie ansieht? Wird sie sich für eine Familie entscheiden müssen?

Die historischen Hintergründe der damaligen Zeit sind uns allen hinlänglich bekannt. Die Grausamkeiten gegen Juden erreichten ein für mich heute immer noch unvorstellbares Ausmaß.

Das Buch ist als Jugendbuch herausgegeben worden und dementsprechend vorsichtig beschreibt Anne C. Voorhoeve das Grauen dieser Zeit. Obwohl sie oftmals nicht ins Detail geht, ist das Buch deswegen nicht weniger berührend. Mir beim Lesen vorzustellen, wie vielen Menschen dieses unermessliche Leid widerfahren ist, hat mich das Buch manches Mal zur Seite legen lassen. Ich konnte es nicht mehr ertragen, auch nur eine einzelne Zeile mehr in diesem Moment zu lesen. Die Vorstellung, meine Kinder, meine Familie, meine besten Freunde auf solch schreckliche Weise zu verlieren, ist mehr, als ich ertragen könnte.

Der Gedanke, dass Menschen so grausam sein können – weil jemand einer anderen Religion oder Nationalität angehört – erschreckt mich immer noch. Und das in einigen europäischen Ländern derzeit viele rechte Parteien regen Zulauf haben, erschreckt mich gleichermaßen und zeigt, dass Bücher wie „Liverpool Street“ keinesfalls an Wichtigkeit verloren haben. Das Grauen dieser Zeit darf nicht in Vergessenheit geraten und Werte wie Solidarität, Toleranz, Mut, Loyalität und Nächstenliebe sind wichtiger denn je.

1 Kommentar

  1. Bücherteufechen

    1. Juli 2019 at 0:24

    Deine Rezi bringt mir das Buch nahe und ich kann mir vorstellen, dass es mir auch gut gefallen würde. Auch ich denke ähnlich, wenn ich Bücher lese oder Filme sehe, die sich mit dem Thema Nationalsozialismus beschäftigen.
    Die Präsentation des Buches gefällt mir ebenfalls 😊

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