[Eigenes Exemplar]
Zum Inhalt:
Seit neun Monaten ist in Tillys Leben nichts mehr so wie es war. Vor neun Monaten ist ihr Mann Joe kurz nach ihrer Hochzeit an Krebs verstorben. Heute ist ihr Geburtstag. Und Tilly weiß nicht, wie sie ihn überstehen soll. Da klingelt ihr Telefon. Ein gewisser Alfie Lane ist am Apparat. Inhaber der kleinen Buchhandlung Book Lane. Für sie wurde ein Buch in der Buchhandlung für diesen Tag hinterlegt. Von ihrem Mann Joe…

Meine Meinung:
Tja, wo fange ich am besten an…. Dieses Buch ist eines der großartigsten Bücher, die ich jemals gelesen habe. Definitiv eines meiner Highlights in 2025.
Mathilda – genannt Tilly – hat ihren Mann verloren. Und muss sich jetzt in einem Leben ohne ihn zurechtfinden. Einem Leben, das plötzlich voller Trauer, Erinnerungen und Einsamkeit ist. Ein Leben, in dem die Dinge, die ihr früher Freude bereiten haben – wie zum Beispiel Lesen – vollkommen in den Hintergrund gerückt sind. Ein Leben, dass sich einfach nur chaotisch und vollkommen falsch anfühlt. Sie versucht sich abzulenken und stürzt sich in die Arbeit. Und betäubt damit doch nur die Emotionen, die sie zuhause dann überwältigen.
„Das Problem ist, dass die Person, die sie früher war, sich mit Joe aus dem Leben verabschiedet hat. Tilly ist jetzt auf eine Weise verändert, die Harper offenbar nicht versteht. Die innere Dunkelheit fühlt sich manchmal wie dichter Nebel an, manchmal auch wie ein schwerer Felsbrocken in ihrer Brust. Und dieser düstere Schatten ist allgegenwärtig, auch wenn man ihn äußerlich vielleicht nicht bemerkt“ – Seite 49
Sie merkt, dass ihre Trauer für Familie und Freunde nur schwer auszuhalten ist. Besonders ihre Schwester Harper versucht alles, um Tilly aus dieser Trauer rauszuziehen und schießt dabei manches Mal über ihr Ziel hinaus. Das ist etwas, was für andere nur schwer zu verstehen ist. Das Trauer Zeit braucht und man nichts erzwingen kann. Egal, wie sehr man es versucht.
„Ich will doch nur, dass es Dir besser geht“ murmelt Harper. „Aber das kannst Du nicht erzwingen! Hör auf mich zu drängen, dass ich mich amüsieren soll. Und hör auf, mir zu sagen, dass alles gut wird. Nichts wird gut. Joe ist tot!““
Und dann dieser Anruf, an diesem besonderen Tag. Einem Tag, der besonders traurig ist. Den sie am liebsten allein für sich verbringen will. Doch dann siegt die Neugierde und sie betritt die Buchhandlung. Diesen urigen, liebevoll in zweiter Generation geführten Buchladen und lernt Alfie kennen. Alfie, der ihr mitteilt, dass es sich nicht nur um ein Buch handelt, sondern Joe für ein ganzes Jahr lang jeden Monat ein Buch für sie hat zurücklegen lassen. Liebevoll von Alfie eingepackt mit einem handgeschriebenen Brief von Joe. 12 Bücher. Jeden Monat eines.
„Ich finde, dass man die Bedeutung eines Menschen im Leben niemanden vorschreiben darf, ebenso wenig wie Dauer und Ausmaß der Trauer über den Verlust. Man hat den Tod eines geliebten Menschen nicht nach drei Monaten oder so verkraftet, nur weil einem das von gesellschaftlichen Normen aufoktroyiert wird“ – Seite 146
Tilly ist überwältigt. Von Trauer, Von Freude. Von Liebe. Von Neugierde. Abwechselnd. Immerzu. Ein Gefühlchaos.
„Tilly merkt, dass ihre Kehle wie zugeschnürt ist und ihre Stimme zittert: „Ich habe das Gefühl, als sei ich keinen Schritt vorwärtsgekommen, obwohl ich mir so viel Mühe gebe.“ Denn wenn die Trauer sie erwischt, ist sie noch genauso schrecklich und schmerzhaft wie am Anfang.“ – Seite 221
Jedes dieser 12 Bücher nimmt Tilly mit auf eine Reise. Manchmal in ein anderes Land. Manchmal in sich selbst. Immer mit der Liebe von Joe und immer wieder einen Schritt zurück ins eigene Leben. Zuerst nur kleine Schritte. Schritte, die ihr zu Beginn gar nicht bewusst sind. Doch dann wird ihr klar, dass der monatliche Gang in den kleinen Buchladen und die Bücher von Joe ihr Leben verändert haben. Alfie und sein Team werden zu Freunden.
„Sie atmet in tiefen Zügen die Morgenluft ein, die nach sonnenwarmer Erde und Blüten riecht. Sosehr Tilly sich auch wünscht, alles Mögliche ungeschehen machen zu können, weiß sie doch, dass es unmöglich ist. Es gibt kein Zurück. Schließlich rafft sie sich auf und setzt sich wieder in Bewegung, Schritt für Schritt. Das ist das Einzige, was sie tun kann: vorangehen.“ – Seite 245
Libby Page hat mit „Das Jahr voller Bücher und Wunder“ einen Roman erschaffen, der mich als Leser bis in meine tiefste Seele hinein berührt hat. Das mag daran liegen, dass ich selbst momentan viel Trauer aufgrund familiärer Verluste empfinde, aber ich denke, dass die Geschichte auch Menschen, die bisher keine eigenen Erfahrungen mit Tod und Trauer erlebt haben, sich von dieser Geschichte berühren lassen werden.
In unserer Gesellschaft ist Trauer immer noch ein Tabuthema. Ein paar Wochen, vielleicht Monate – je nachdem, wie nah man der verstorbenen Person gestanden hat, ist es okay traurig zu sein, aber danach möchte man sich doch bitte Mühe geben und wieder „normal“ sein. Trauer ist anderen Menschen unangenehm. Sie wissen nicht damit umzugehen. Wie denn auch, wenn sie diese lebensveränderte Erfahrung noch nicht durchgemacht haben.
Das Buch empfinde ich dabei als äußerst hilfreich. Egal, ob man selbst jemanden verloren hat oder man jemanden im Umkreis hat, der jemanden verloren hat. Es hilft, einander besser zu verstehen.
Ich habe meine beiden Eltern vor Kurzem innerhalb von neun Monaten verloren. Und mein Leben ist nun ein vollkommen anderes. Sie waren beide schwer krank und ich habe mich intensiv um sie gekümmert. Alles ist heute anders. Mein ganzer Alltag. Und die Trauer immer noch jeden Tag allgegenwärtig. Und ich bin anders. Still. Zurückgezogen. Ich brauche momentan viel Raum für mich. Ich möchte niemandem auf die Nerven fallen mit meiner Trauer.
Ich habe mich in dieser Geschichte wiedergefunden. Mich getröstet gefühlt. Mich verstanden gefühlt. Geweint. Und gelacht. Tilly ins Herz geschlossen. Sie ist so liebenswert. So tapfer. So traurig. Und sie gibt nicht auf. Sie geht weiter. Wie wir alle. Ohne den geliebten Menschen. Jeden Tag ein kleines Stück.
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