Zum Inhalt: Seit die neue Regierung an der Macht ist und der Präsident mehr oder weniger von dem ultrarechten Reverend Carl gelenkt wird, sind die Rechte aller Frauen in Amerika komplett beschnitten. Kein Wahlrecht, keinen eigenen Beruf mehr, kein eigenes Konto. Für alles brauchen sie die Erlaubnis ihres männlichen Vormundes. Entweder Mann oder Vater oder Bruder oder Onkel. Nicht nur dass, sie werden alle mit sogenannten „Wortzählern“ ausgestattet. Das Kontingent von 100 Wörtern pro Tag für jede weibliche Person darf nicht überschritten werden, sonst bekommen die Frauen die Folgen in Form eines immer stärker werdenden Stromschlags zu spüren. Folgsame Ehefrauen, die sich nur um Haushalt und Kindererziehung kümmern und ansonsten still und brav ihren Männern folgen, ist das erklärte Ziel der „Reinen“. Männer und Frauen, die gleichgeschlechtliche Beziehungen pflegen, kommen in Internierungslager, bis sie sich freiwillig der Bewegung anschließen und der Homosexualität abschwören.

Jean war vorher eine bekannte und talentierte Wissenschaftlerin. Jetzt ist sie nichts mehr. Nur noch Ehefrau und Mutter ohne eigene Stimme.  Ihren Mann scheint sie nicht mehr zu kennen. In seiner Tätigkeit in hohen Regierungskreisen ist es für ihn zwingend notwendig, sich keine Feinde zu machen und so scheint er dem Regime widerstandslos zu folgen. Doch Jean will nicht kampflos aufgeben. Soll ihre kleine Tochter Sonia niemals frei reden dürfen? Niemals lesen dürfen oder die Chance auf einen Beruf und freie Entscheidung erhalten?

Als der Präsident der vereinigten Staaten in einer persönlichen Angelegenheit dringend ihren Expertenrat und ihr Wissen braucht, sieht Jean ihre Chance, für sich, für ihre Tochter und für alle Frauen Amerikas zu kämpfen….

Meine Meinung:

VOX – #100 Wörter – Was für ein beklemmendes, aufwühlendes Buch!

Zumindest in der ersten Hälfte. Die hat mich wirklich aufgeregt.  Danach *hmmm* ich will nicht vorweggreifen….

Die knapp 400 Seiten starke Geschichte wird aus der Ich-Perspektive von Jean erzählt, die sich nicht erklären kann, wie es wirklich so weit im Amerika des 21. Jahrhunderts kommen konnte. Doch rückblickend betrachtet ist genau das passiert, vor dem ihre politisch engagierte lesbische beste Freundin sie immer gewarnt hat. Eben diese Freundin, die nun in einem Internierungslager ein stummes Dasein fristet.

Schon auf den ersten Seiten habe ich begonnen, fassungslos den Kopf zu schütteln beim Lesen und mich zu fragen, aus welchem Grund Männer auf diese abgrundtief entsetzliche Idee kommen, Frauen so dermaßen in ihren Grundrechten zu beschneiden…

Doch so spannend und so unbegreiflich, wie das Buch begonnen hat, umso mehr tauchten bei Fortschreiten der Lektüre Fragen auf, die leider für mich während des ganzen Romans unbeantwortet blieben. Das ist etwas, was ich in der Geschichte tatsächlich vermisse: die Erklärung für den ganzen Wahnsinn, der dort passiert. Warum. Wieso. Weshalb. Mit welcher Intention.

Nun habe ich in diesem Jahr auch von Margret Atwood „Der Report der Magd“ gelesen und muss sagen, dass sich für mich in „Vox“ viele Parallelen zu Atwoods 1985 erschienenen Roman ergeben haben. Und im Gegensatz zu „Vox“ entwirft Margret Atwood ein für mich sehr stimmiges und ausgesprochen detailliertes Szenario, während „Vox“ zwar ein wahnsinniges Tempo beim Fortschreiten der Geschichte an den Tag legt, aber dafür so viel in die 400 Seiten reinquetscht, dass es sich irgendwann von einem dystopischen Science Fiction-Roman in einen Verschwörungsthriller verwandelt und das eigentliche Thema – der Kampf um die Rechte der Frauen – für meinen Geschmack nach mehr und mehr in den Hintergrund gelangt. Ehrlich gesagt bin ich mir am Schluss überhaupt nicht mehr sicher, worum es wirklich in der Geschichte ging: um die Feminismus-Debatte und die Rechte der Frauen oder darum die amerikanische Bevölkerung am liebsten komplett zum Verstummen zu bringen, um das Machtstreben einer ultraradikalen Minderheit zu fördern?

Ich mag nicht spoilern, deswegen werde ich Euch nichts weiter zur Handlung verraten.

Aber trotzdem – auch wenn der Roman jetzt in einigen Bereichen nicht meine Erwartungen erfüllt hat, so macht er doch sehr nachdenklich. Zumindest die erste Hälfte der Geschichte, in der es um die Machtergreifung der Radikalen und den Rechteverlust der Frauen geht, finde ich sehr, sehr wichtig.

Ich sehe durchaus gewisse Parallelen zur aktuellen politischen Lage hier in Deutschland.

Es gibt da diese kleine Partei, die bei der letzten Bundestagswahl knapp 13 % Stimmen bekommen haben (siehe meinen Blogbeitrag vom September 2017) und die ein umfangreiches Wahlprogramm haben, bei dem mir schon beim Lesen so richtig schlecht wird. Ich bin immer wieder fassungslos, wenn ich sehe, wie viele Menschen von dieser Partei überzeugt sind und sie wählen wollen. Sei es aus Überzeugung oder aus Protest den Altparteien gegenüber.

Sollte diese Partei jemals an die Macht kommen (was ich nicht hoffe), so werden wir vermutlich – wenn es auch nicht explizit auf Frauen bezogen ist – mitbekommen, wie Christina Dalchers Roman „Vox“ auch in Deutschland zum Teil Realität werden könnte. Und alleine, um jedem Einzelnen die Augen zu öffnen, wie schnell so etwas passieren kann, wie wichtig es ist, seine eigene Stimme zu erheben und „NEIN“ zu sagen, ist das Buch absolut lesenswert und wichtig. Also lest es bitte.

 

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